"Im Tango wird der Kampf zwischen Mann und Frau zur Lust." Ricardo y Nicole
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Kommentare zum Artikel im Foro del Tango
Statement zum Elektrotango und andren zeitgenössischen Tangokapellen
Wieviel Erotik hat ein drumcomputer, welche Sinnlichkeit steckt in Loops, wer spielt wo für wen und wo bleibt das Herz?
von Joachim Jundt
4.5.2006
1978, Klassenparty, erste Discofox- begegnungen verliefen wider aller Wahrscheinlichkeit verletzungsfrei für die meisten Beteiligten. Als DJ (damals noch Kassetten, sorry, "tapes", we DJs use a lot of in-expressions...) hatte ich die sensationelle Chance, am hochinteressanten zwischengeschlechtlichen Tanzgeschehen beobachtend teilzuhaben, ohne selbst anders in Aktion treten zu müssen, denn als Kassetteneinleger und Plattenwechsler hatte ich mich um etwas zu kümmern, was ich eifersüchtig als geschützten Raum für mich betrachtete. Von Technik verstand ich etwas, von Tanzen praktisch nichts, von jungen Frauen noch weniger, aber ich kümmerte mich immerhin um die Musik und war somit hinreichend beschäftigt, um meine sonstige Unsicherheit auch mal vergessen zu können.
Heute verstehe ich manches an Technik nicht mehr, von egalwiejungen Frauen nicht viel mehr als damals schon (komplizierte Sorte Mensch in jedem Fall...), von Musik bin ich noch immer ziemlich besessen und verstehe etwas vom Tanzen - genug, um Freude dran zu haben.
An diesen komplexbeladenen, streuselkuchengesichtigen Klassenpartybeschaller von damals muss ich immer mal wieder denken - damals wollte ich Kontakt und hatte Angst davor (aber nicht genug zum Daheimbleiben). Wenn ich heute Elektrotangomusik höre oder bestimmte Livekapellen in Aktion erlebe, treffen für mich zwei Welten aufeinander: Tänzer und Leute, die nicht tanzen wollen - oder glauben, das nicht zu können. Die Rede ist zunächst einmal von Musikern im althergebrachten und Produzenten von computergenerierter Musik - im weitesten Sinn dieses Wortes.
Elektrotango ist modern,
auch in der darin überwiegenden Seelenlosigkeit, Kälte, Herzarmut, die "la vida moderna" heute auch widerspiegelt. Es herrscht der Beat, fährt im besten Fall in die Beine und den Magen, höher geht es nicht , das Herz bleibt auf standby - not in use now. Schwere beats schlagen fünfminutenlang auf Cumparsita- versätze ein, dicke Klangteppiche synthetischer Geigen verkleben por una cabeza. Nach dem zweiten oder erst fünften loop (die wiederkehrenden Rhythmusschleifen) der Gedanke an das Getränk für die Pause nach diesem "Ding", das Musik zu nennen ich mich sträube. Auch wenn Bandonèon-Töne "verbaut" werden in den Tracks des virtuellen Soundstudios, es macht weder Tanzsinn noch -lust. Es könnten auch Alligatorenschreie sein, es geht ja oft nur um den Effekt.
Wie viel Seele kennen die Geräuschverursacher von sich selbst, mit wie vielen Menschen tauschen sie sich aus? Was und wer steckt hinter den soundprojects, all den tangofusions, all den Clubmilongas? Für mich eine andre Welt, ich gebe zu, mein Vorurteil bildet jemand wahrscheinlich männlichen Geschlechts im schallisolierten Heimstudio ab, der sich die Nächte um die Ohren schlägt im Kampf mit abstürzenden Programmen und wie immer zu langsamer Hardware. Oft die Erfahrung, auf einer CD kein einziges Stück zu finden, das aus dem 4/4 beat mit durchlaufenden 85-120 bpm in irgendeiner Form herausragt, alles tönt sehr ähnlich. Immer wieder tauchen interessante Inseln aus dem endlosen Rhythmusmeer auf, durch Dauerwiederholung (copy & paste) totgespielt, durch zu lange, zu langweilige oder/und zu schnelle Riffs entwertet. Dafür dauert das doppelt so lange wie 40er, 50er Jahre Tangos, aber nicht mal mit der halben Genialität.
Ganze Taktzahlen
Beim Versuch, ein wenig Ordnung in meine Musiksammlung zubekommen, fiel mir unlängst auf, dass alle Stücke, die unter Electrotango laufen, ein äusserst exakter beat auszeichnet. Das Tempo schwankt in aller Regel um maximal 0,04 Schläge schneller oder langsamer zum vollen Takt (ich kann nichts dafür - ich habe natürlich auch einen PC bemüht, bei 2700 Stücken im DJ-Koffer muss ich auch ein wenig mit der Zeit haushalten und delegiere gern Routine an Rechenknechte). Also bleibt der Drumcomputer, einmal eingestellt, immer am Laufen. Ebenso der Lautstärkeregler. Dynamik kenne ich dann doch anders.
Bei älteren, aber auch zeitgenössischen Interpretationen kommt das digitale Metronom fast nie auf gerade Taktzahlen. Wie auch? Menschen verlangsamen oder beschleunigen ihre Musik, so wie es ihr Gefühl gerade verlangt. Daran erkennt man, ohne dass einem das bewusst wird, ob nun jemand selber spielt oder aber eine Maschine auf «autopilot» perfekt klingende Geräusche repetiert. Ich neige dazu, das als klangliche Belästigung zu empfinden, obwohl ich weiss, wie kolossal viel Arbeit in so eine Produktion gesteckt wurde. Aber ich finde nicht, dass Musik klingen muss wie von Robotern gespielt.
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Vor allem, wenn die noch nicht mal begriffen haben, wie man Vals tanzt. Gefühlvoll oder fröhlich - die Einstellung fehlt auf den Konsolen. Ich kenne nun ein einziges Stück der Sparte Electrotango, auf das man Vals tanzen kann (von Gotan Project auf der neuen CD «Lunático»). Als DJ oder Tänzer beobachte ich, dass sich die Piste bombensicher füllt, wenn ein Stück im 3/4 Takt die nächste Vals-Tanda ankündigt, da werden auch Müde wieder wach. Von den üblicheren Electrotango Stücken, die entweder als Rennmilonga oder in halber Geschwindigkeit als Zeitlupentango getanzt werden können, werden Wache eher müde.
Ist das somit alles nur Schrott vom Fliessband der Soundbastler?
Hmmmm... 40er, 50er Jahre zusammengenommen, mal wirklich ALLE damals produzierten Tangos am Stück gehört - wie viel Müll wäre für mich denn dort dabei? Wir hören doch heute, ähnlich dem "klassischen" Programm (also der kleinen Nachtmusik, dem Bolero, der neunten Symphonie etc.) auch nur die Stücke auf der Milonga, die durch die Zeit gekommen sind, die wegen ihrer Qualität noch eine ganze Weile gern gehört werden. Irgendwie auch tröstlich: Dass zu guter Qualität auch der Schrott gebraucht wird, um einen Maßstab zu finden - das ist geblieben. Schade allerdings, dass die Soundschnipsel, nun sind sie ja schon produziert, dann doch den Weg auf CDs finden, mit einem pfiffigen, aber jedenfalls trendigen Cover versehen, dann doch wieder Kaufreize wecken können. Die nächste CD hat dann ein neues Cover und kommt als «Remix». Warum?
Aber dennoch: Licht am Horizont! Nach so vielen Einschränkungen und Herumgemäkele an moderner Musik (die halt manchmal für eine andre Zielgruppe gemacht scheint) möchte ich nun gern hinweisen auf einen nicht mehr ganz neuen regelmässigen Event in Zürich: Am 1. und 3. Freitag jeden Monats gibt es im "El Social", Hohlstrasse 452, einen "Electrotangoabend". Julio Mendez nennt das auch "Tango Non Santo", das hat etwas mit "Nicht heilig" zu tun. Nicht dass Zürich zu wenig Milongas hätte - ganz und gar nicht - aber sehr experimentell geht es dort ja nicht gerade zu. "Non Santo" bedeutet auch, dass an diesem Abend keine klassischen Tangos der Epoca de Oro gespielt werden. Aber auch nicht nur Electrotango, sondern zeitgenössische tanzbare Musik mit Bezug zu Tango. Nähere Infos auf http://www.elsocial.ch
Livemusiker - zeigt Euch!
Nun bekommen noch die vorher erwähnten, aber von mir vorsorglich nicht näher spezifizierten "Livekapellen" Ihr Fett weg. Dieses geschieht, das möchte ich unbedingt zu beachten geben, aus keinem aktuellen Anlass (der war schon vor zwei, drei Monaten in Zürich passiert). ColorTango, Silencio, Guardia Vieja, Marcuccis Veritango und Sexteto Canyengue gehören nicht dazu, die sind präsent für die Tänzer und tanzen auch mit denen, wenn sie spielen. Bei andren (aber natürlich nicht bei allen nicht erwähnten) ist mitunter das Beste, dass dann Zeit ist für ein Schwätzchen, für ein Glas Wein, eine gemütliche Sitzung auf dem Klo... Die Musiker wirken manchmal, als würden sie jetzt gar nicht gern gestört, sind vollauf beschäftigt mit intimsten Zwiegesprächen mit 6 Saiten oder ihren Bandonèonknöpfen, kein Blick würdigt das Publikum, also die, für die sie doch eigentlich die ganze Aktion machen. Oder? Die Sache ist bitterster Ernst!
Dort, wo die spielen, bin ich nicht, das ist ein andrer Kosmos. Mit vielen möglichst überraschenden, Tempi-Änderungen, mit profilierungsträchtigen Kadenzen (oder einfach auch, um mit den wahnsinnig vielen Noten in Ruhe fertig zu werden, Tänzer: bitte mal kurz anhalten, es geht gleich weiter) mit Pathos, wo ich Intimität erhoffte. Ich denke dann, hier störe ich bloss, zum Tanzen ist das nicht. Manchmal tönt es dennoch gut, ist witzig zum Hören, wenn auch sperrig zum Tanzen. Dann fühle ich mich sozialverantwortlich, habe ich doch mehr Eintritt bezahlt, damit diese Musiker nicht Hunger leiden oder frieren müssen. Das gibt mir dann doch ein irgendwie gutes Gefühl - sofern mich die offenkundige Inkompetenz der Kammermusiker, die verhängnisvollerweise an Tangonoten (vorzugsweise dann auch Piazzolla) geraten waren, noch nicht zum entrüsteten, aber diskreten Heimgehen gebracht hatte. Ich pfeife und buhe nicht, bin aber fast endlos nachtragend, wenn ich Livemusikaufschlag auf einen Tanzabend bezahlt habe, dessen entbehrlichster Part die Livemusik war. Aber wenn die Milonga sonst gut war, reicht das endlose Nachtragen sowieso nur ein paar Tage....
Auch wenn es die Veranstalter gut meinen (und vielleicht ebenfalls eine soziale Verantwortung empfinden, die uns Tänzern wiederum ermöglicht, uns sozialverantwortlich zu zeigen - den Musikern gegenüber, irgendwo müssen sie ja üben...) manchmal - meistens eigentlich - bin ich bescheiden, will eigentlich nur zu guter alter oder neuer Plastikmusik tanzen und wäre froh, wenn die Geräusche der Livekapellen nach ein paar Stücken entweder durch völlig berechtigten hemmungslosen Beifall verlängert - oder aber beendet würden, wenn der Applaus ausbleibt. Dann könnten alle Beteiligten noch einen netten Abend verleben....
Fotos: J. Jundt
Kommentare zum Artikel bitte im Foro del Tango
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update: 20 Dec 2009
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