"Ich habe Angst vor der Begegnung mit der Vergangenheit, die mich mit meinem Leben konfrontiert." aus Volver
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Der Tango ist die höchste Form des Gehens"
ein Gespräch mit Alexander Dreher über die Beziehung von Feldenkrais und Tango
Zürich, 16.2.2006
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Während der Tangowoche Zürich bietest Du jeweils Feldenkrais-Unterricht an. Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht?
Die Leute, die kommen, sind sie oft ziemlich erschöpft vom vielen Tanzen und wenig Schlafen. Sie haben das Bedürfnis, sich wieder zbüschele und sich fit für den Abend zu machen. Eines der Themen sind die Füsse, die schmerzen. Ich mache Lektionen, welche die Füsse regenerieren lassen und ihre Geschicklichkeit verbessern. Ein anderes Thema sind die Schultern, diese kommen im Tango oft in einen Zustand von Starrheit. Schultern und Füsse wieder in eine dynamische Beziehung zueinander zu bringen, das wirkt wie ein Jungbrunnen.
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Während der Tangowoche kommen viele Anfänger und Anfängerinnen zu Dir. Weshalb ist das so?
Wenn man mit Tangotanzen beginnt, ist einem noch bewusst, dass es eine grosse Kunst ist, stabil auf den Beinen zu stehen, die Achse wahrzunehmen und ein Gefühl dafür zu bewahren, wohin sich die eigene Mitte bewegt. Als Anfänger ist einem die Komplexität dieser Anforderungen noch sehr bewusst; und dass es Sinn machen könnte, das eigene Körperbewusstsein zu differenzieren. Später meint man, diese Sprache dechiffriert zu haben, macht aber alles im gleichen Muster und entwickelt sich nicht weiter.
Was fällt Dir als Feldenkrais-Lehrer auf, wenn Du an eine Milonga gehst?
Manche Männer kneifen ihren Hintern zusammen oder sind oben leicht nach vorne geneigt mit einer Kopfhaltung, als wollten sie auf etwas horchen. Frauen tanzen oft mit einem hohlem Kreuz, vor allem im Appillado-Stil. Bei ihnen sind die Hüftgelenke nicht offen, das Becken ist unnachgiebig. Bei einer guten Tangotänzerin hat man das Gefühl von Leichtigkeit und Spontaneität. Wenn Leute aber kontrollieren oder eine Willenshaltung einnehmen, sind sie nicht frei, denn die Muskeln sind blockiert.
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Wo siehst Du eine Verbindung von Tango und Feldenkrais?
Der Tango ist die höchste Form des Gehens. Zum aufrechten Gang kommt nun noch eine Kunstform hinzu, die Emotionalität und Ästhetik zum Ausdruck bringt. Das sind hochkomplexe Geschichten für die Körperorganisation. Wenn Du beispielsweise von deinem Tangolehrer, deiner Tangolehrerin mehrmals die gleichen Korrekturen gesagt bekommst, wäre dies eine gute Gelegenheit, diese Muster in einem Feldenkrais-Setting genauer anzuschauen.
Was beinhaltet Dein Angebot an Tangotänzer genau?
Ich biete einen lustvollen Lernprozess in der Form von Lektionen an. Zusammen kreieren wir effizientere Bewegungsalternativen, die beim Tanzen integrierbar sind.
Hast Du Beispiele von Leuten, die durch Feldenkrais ihr Tanzen verändern konnten?
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Ja, da fällt mir eine Frau ein, die ein Schleudertrauma hatte, und die deshalb sehr lange beim Tanzen handykapiert war, weil sie der Nacken schmerzte. Sie kam dann mehr als ein Jahr zu mir in Einzellektionen und jetzt kann sie wieder tanzen. Ihre Achse bis runter zu den Füssen trägt sie nun wieder.
Eine andere Frau hatte stets das Gefühl, sie müsse sich im Tango aufrichten. Und nach dem Tanzen ist sie wieder in sich zusammengefallen. Das Aufrichten war ein altes Muster, ein Willensakt. Heute gelingt es ihr besser, wahrzunehmen, dass Aufgerichtetsein eigentlich ihr Normalzustand ist. Heute geht sie mit einer andern inneren wie äusseren Haltung tanzen.
Wie bist Du zur Feldenkrais-Methode gekommen?
Moshe Feldenkrais konnte als erster Prinzipien erklären, die in allen asiatischen Kampfkünsten gelten und dies in einer Sprache, die mir als abendländischem Menschen verständlich ist. Es ging ihm um die Funktionen des Körpers und weniger um das Energetische. Ich bin ja auch Taiji Lehrer und deshalb war für mich Feldenkrais d i e Entdeckung, um zu verstehen, was ich da eigentlich tue.
Feldenkrais war ja ein Physiker. Wie kam er zum menschlichen Körper?
Ja, er war Physiker und ein Freidenker. Er war in Frankreich Judo-Meister und als einer der ersten Nichtasiaten trug er den schwarzen Dan. Das war damals eine interessante Zeit, man begann sich mit Hilfe der Kybernetik und der Psychologie mehr mit der Frage zu beschäftigen, wie der Mensch eigentlich lernt, wie Bewegungsmuster entstehen etc. Er hat als Judo-Kämpfer, als Wissenschaftler und überhaupt als neugieriger Mensch eine eigene Methode entwickelt. Er hat sich sozusagen aus eigener Betroffenheit zum Studienobjekt gemacht, da er eine Knieverletzung hatte.
Was fasziniert Dich an seiner Methode?
Das Faszinierende ist, dass du dich in deinem Gerüst (Skelett) neu erleben kannst. Du kommst sozusagen hinter deine Bewegungsgewohnheiten und du lernst, dein Handeln zu beobachten. Damit erhälst du die Möglichkeit, dich selbst zu verändern. Auf der Körperebene können wir uns einfacher verändern als auf der Geistesebene. Weil wir den Körper auch besser beobachten können.
Ist Veränderung denn so wichtig? Die Körpergewohnheiten sind vielleicht auch etwas Gutes?
Gewohnheiten sind wichtig und hilfreich, aber oft sind wir auch Sklaven unserer Gewohnheiten.
Verspannung und Schmerzen sind Folgen von unpassendem Verhalten.
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Kannst Du dazu ein Beispiel nennen?
Eine verbreitete Gewohnheit ist etwa, dass man die Luft anhält, um eine Last zu heben. Damit bringt man den Körper in eine Spannung, die aber nicht funktionell ist. Den Atem anhalten ist eigentlich etwas, das wir tun, wenn wir uns einer grossen Gefahr gegenüber sehen, bevor wir die Flucht ergreifen. Wenn wir aber etwas heben, sind wir so in einer schlechten Verfassung, um die Aufgabe gut zu bewältigen.
Wie definierst Du Feldenkrais als Methode?
Feldenkrais ist eine körperbezogene Lernmethode. Wer sich darauf einlässt, erlebt einen differenzierteren Umgang mit dem Körper. Was einem wiederum erlaubt, feiner und wirkungsvoller zu handeln. Viele Bewegungen, die wir als Baby oder Kleinkind gemacht haben, machen wir in zunehmendem Alter nicht mehr. Wir hüpfen nur noch selten, wir rollen nicht mehr, wir tun vieles nicht mehr, was uns den Körper auf eine andere Art erfahren lassen könnte. Und wenn wir nur noch sitzen oder stehen, dann fällt der Körper in eine Monotonie, von der wir uns selbst fast nicht mehr befreien können.
Man könnte also sagen, je älter wir werden, desto ärmer werden wir in unseren Möglichkeiten, unseren Körper zu benutzen.
Die Vielfalt haben wir als Kleinkind entwickelt und das muss man sich vorstellen wie neuronale Prägungen, die in unserer Bewegungskortex gespeichert sind. Aber wenn die Vielfalt nicht immer wieder aktualisiert wird, verschwindet sie. Wir tun immer das, was uns am schnellsten erscheint. Wir reduzieren unser Repertoire immer mehr und opfern die Vielfalt der Gewohnheit. Man kann sich das wie Trampelpfade im Gehirn vorstellen.
Als welchen Gründen kommen die Leute zu Dir?
Es kommen Menschen, die ihren Körper besser kennen lernen möchten, weil sie beispielsweise Rückenschmerzen haben und nicht jedes Jahr notfallmässig zum Chiropraktiker gehen wollen, sondern die Probleme mit dem Rücken selber in den Griff bekommen möchten. Menschen, die im Stress sind, die sich verausgaben und wieder zu sich selbst und zu ihrem Körper finden möchten. Sportler, die ökonomischere Bewegungen suchen wie etwa ein Marathonläufer, der mit grösserer Leichtigkeit rennen möchte. Und Tangotänzer und Tangotänzerinnen.
Das Gespräch führte Claudia Acklin, Tangotänzerin und Feldenkrais-Schülerin
Stäfa, Anfang Januar 2006
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Alexander Dreher war Kunstturner, Förster, unterrichtet Taiji, tanzt selbst Tango. Er ist 51, Familienvater, hat eine Feldenkrais-Praxis in Zürich und in Wald und bietet Gruppenunterricht oder Einzel-Lektionen an. Gruppenunterricht gibt es auch in Uster. Ein Teil der Kosten für Einzel-Lektionen wird durch die Krankenkasse übernommen.
Weitere Informationen unter www.feldenkrais-dreher.ch
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update: 16 Feb 2006
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