"Wenn es den Menschen schlecht geht, dann geht es dem Tango gut."

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Tango ist tanzender Eros. Auch er ist von Polarität durchdrungen. Um auf einer höheren Ebene zu vereinen, ist es nötig, vorher klar zu trennen. Nur zwischen den maximalen Gegensätzen dehnt sich der Kosmos. Nur zwischen den Gegensätzen ist Raum für die Sehnsucht. Und der Tango verbindet die äußersten Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen, welches gelegentlich tiefere Erlebnisse der Einheit gewährt. Auf der psychologischen, erotischen und künstlerischen Ebene sind seine Themen: Mann und Frau, männlich und weiblich, Hingabe und Autonomie, Vereinigung und Grenze, Gefühl und Gestalt, Form und Inhalt, Geometrie und Leidenschaft, Feuer und Eis, Engel und Teufel, Liebe und Verführung, Führen und Führenlassen, Herz und Rückgrat, Poesie und Reflexion, Geist und Sinnlichkeit, Kampf und Zärtlichkeit, Annäherung und Entfremdung, Abschied und Rückkehr.
Im fließenden Wechselspiel der Gegensätze in der Tanzbewegung, im steten Wandel des Ganzen, im dynamischen Spiel seiner Pole: Verdrehung und Auflösung, Verzögern und Beschleunigen, Beugen und Strecken, Ausdehnen und Zusammenziehen.

[...]

Eine Kalligraphie des Herzens

Bild 1 Alles Wesentliche geschieht also zwischen den Oberkörpern. Die Frau bewegt primär nie mit ihrer eigenen Energie, sondern läßt sich von ihm bewegen, in einer Art, die für sie immer unvorhersehbar sein sollte. Sie bleibt pausenlos im Kontakt und macht sich ganz zum Gefäß, durchlässig für ihn und seine Bewegung, um diese durch sich hindurch in ihren Schritt zu leiten. Der Mann spürt die Frau dadurch, wie sie auf seine Führung reagiert, auf ihre Art des Hindurchlassens und Mitgehens, ihre Widerstände, ihr Einlassen, oder ihre 'Angebote' und Verzierungen. Das sei ihm Inspiration.

Die Führung an sich ist sehr subtil. Ihre Schritte sind nie das eigentliche Problem, sondern in ihrem Grundwesen schon dessen Lösung, da der Tanz im Wesentlichen von den miteinander verbundenen Oberkörpern, aus dem Dialog der Achsen, seinen Ausgang nimmt. Die Bahnen des Körpers werden durch die Beine und Füße lediglich auf den Boden übertragen. Ähnlich der Kalligraphie, wo die Schreiblinien durch die feste Achse eines stabilen Federhalters, in präziser Eleganz zu Papier gebracht werden, lassen sich durch die stabile Achse der Tänzerin die von ihm geführten Oberkörperbewegungen exakt auf ihre Beine übertragen, wo diese lediglich noch ausgeformt zu werden brauchen. Dieses Prinzip findet in besonderer Weise in den Schritten der Frau Anwendung. Sie ergeben sich aus ihrer, vom Mann geführten, Oberkörperbewegung. Er muß ihr aber auch 'Spielräume' für Verzierungen lassen. Doch gilt diese Form der Bewegungsübertragung auf die Beine auch für den Mann. Nur kommt ihm eine größere Wahlfreiheit zu, in welche Schritte er die Grundbewegung aus seiner Achse lenkt. Trotzdem ist die Frau im Tango natürlich viel mehr als seine Kalligraphie-Feder. Durch sie erblühen die Impulse aus seiner Mitte in der für sie typischen Weise und entsprechend ihrer Körperkontrolle und Wesensfreiheit zu Gestalt und Form. Sie ist inspirierende Muse und Empfängerin seiner Poesie und Dialogpartnerin. Früher sagte man: Der Mann führt und die Frau begleitet ihn. Auf einer äußeren Ebene mag das zutreffen. Doch ist das letztlich nur eine Frage des Blickwinkels oder der Persönlichkeit des Tänzers. Da seine Bewegungen im Tanz der Frau, durch sie ausgeformt, Gestalt annehmen, bleibt ihm nur noch, ihren Tanz mit seinen Schritten zu umrahmen und untermalen, was durchaus auch als eine Form der Begleitung gesehen werden kann.

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update: 09 Feb 2003 © tangoinfo.ch
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