"Und dabei beklagt sich in schlimmen Milieus kein einziger Mann darüber, dass ihn eine Frau verlassen hat."
J. L. Borges


Kalender
Partnerboerse
Verschiedene Infos zum Tango

[Tangokalender]
[Partnerbörse]
[Tango]
[Foro tango]
[Chatroom]
[Tangocard]
[Newsletter]
[Links]
[E-Mail]
[Home]

[Veranstalter]

arrow Kommentare zum Tangocafé, zu 3 Sonntags-Milongas in Zürich etc. bitte im Foro del Tango

La Vuelta del ATZ

von Joachim Jundt
19.3.2005

Vor ein paar Wochen machte ein Mail die Runde, in dem die Wiedereröffnung des früheren ATZ am 13.3.2005 in ZH-Oerlikon angekündigt wurde, mit neuem Konzept, neuem Personal und neuer Hausherrin, nämlich der Migros Klubschule. Alles daran weckte meine Neugier und natürlich auch viele schöne Erinnerungen an den für mich zuverlässigsten Verursacher körpereigener Endorphinausschüttung. Dutzende Male fuhr ich aus der Binzmühlestrasse nach Hause mit genug Wohlgefühl, "Flow" bis unter die Haarwurzeln, für die erste Hälfte der arbeitsalltäglichen Woche - um mich ab Donnerstag schon wieder auf den nächsten Sonntagabend zu freuen, wenn der Magnet ATZ Tänzerinnen und Tänzer aus Zürich und der weiteren Umgebung - Bern, Basel, Chur, St. Gallen, Konstanz, sogar Freiburg - anzog zum nächsten grossen Tanzfest.

Foto 1

Kann man daran anknüpfen, wenn einem schon die gleichen  Räume zur Verfügung stehen, die bewährten DJs von "damals" mittlerweile zwar auf Laptop modernisiert haben, aber immer noch "im Dienst" stehen? Was hat sich seit dem Umzug des alten ATZ in den (für mich) suboptimalen "Kronenhof" verändert? Der Wettbewerb ist grösser geworden, die "Szene" nicht unbedingt auch im gleichen Mass. Hat es genug Tanzende für drei Milongas am Sonntag, im Falcone, in der Kaserne und nun auch im neuen Tangocafé? Erschwerend kam noch eine ausserplanmässige Veranstaltung am Sonntag mit dazu. Daher war der Beginn der Neueröffnung zunächst ziemlich übersichtlich. Vielleicht ging es auch andren so: Die Vorfreude auf diesen Ort, diesen grossen Tanzboden ignorierte die anfängliche Leere der beiden Säle schlichtweg - wobei "Leere" stark übertrieben ist, in der ersten Stunde waren mindestens 12 Tanzpaare immer in Aktion.

Mich hat das neue Konzept ziemlich begeistert. Die Idee, die grosse Halle immer mit "klassischem" Tangorepertoire zu beschallen und im kleinen Saal mit immerhin noch 135m² modernere Stücke ab 1960 laufen zu lassen, finde ich wunderbar. Zur Umsetzung schreibe ich gleich noch etwas. Mich hat auch begeistert, dass das neue Team eine sehr freundliche, kompetente und engagierte Arbeit geleistet hat, man fühlte sich gleich sehr willkommen. Auch die Preisgestaltung finde ich sehr human: 10,- sfr lassen noch etwas übrig für die Bar und die mittlerweile fertiggestellten Parkhäuser, die die Lücke im Portemonnaie um etwa 5 Franken noch vergrössern - gemessen an den auch schon bezahlten Preisen in Zürich ein Sonderangebot....

Am Eröffnungsangebot arbeiteten 2 DJs: Oscar Moyano und Christian Tobler. Während ich zu Oscar kaum noch Worte verlieren muss - man kann kaum Tango in Zürich, gar in der Schweiz, tanzen und langfristig an seiner oft hervorragenden "que musica, Señores!" vorbeikommen, schon weil man dabei etwas sehr originelles und persönliches verpassen würde - kannte ich Christian Tobler weder vom Namen her noch vom Repertoire. Er war eine lohnende Entdeckung, meinem Eindruck nach noch recht vorsichtig und in Sorge, "zuviel Neues" vertrüge es in Zürich noch nicht, da die Tanzschulen fast ausschliesslich Tango de Salon unterrichten. Die Rückmeldungen, die er nach seiner Pilotmilonga am Sonntag von den Tanzenden bekam, fliessen bereits in die Planung des nächsten Tangocafés mit zwei "dancefloors" am 17.4. ein.

Die Musik von Christian sollte seiner Idee nach dem Schema 40% "Epoca de Oro", also die 40er Jahre Tangos und 60% Tangos ab 1960 folgen. "Tangos" meint damit auch Vals und Milonga. Dabei war dann auch etwas Electrotango, der sehr gut ankam, aber keine "tangofremden" Stücke, die manchmal auch "Ethnotangos" betitelt oder geschimpft werden, je nachdem, wer seine Meinung dazu kundtut und die sich dennoch zum Tangotanzen eigenen. Stattdessen gabs dann Salsa und Swing als kleine Einlage. Das Schema: 2 Tandas Tango, in der 2. Tangotanda jeweils 2 spezielle Stücke eingebettet, dann Vals, wieder 2 Tandas Tango, dann Milonga hat den Vorteil, für Tänzer berechenbar und vorausplanbar zu sein. Und den Nachteil, dass sich die Musik dem Schema beugen muss - und noch dazu die Sets durch Cortinas unterbrochen werden. Man wird sehen, ob es hier nicht doch noch Spielraum für etwas freiere Strukturen gibt. Denn wenn die Tänzer sich das Programm aussuchen können, werden sie sich auch die Pausen nehmen, die sie wollen.
  Das Schöne daran: Niemand ist gezwungen, zu "unkonventioneller" Tangomusik zu tanzen oder sich erst noch zu erkundigen, ob das denn noch authentisch argentinisch ist. Die beiden Musikwelten liegen höchsten 15 Schritt voneinander entfernt, wie Warmbadebecken und Sprungturm in einer gutsortierten Schwimmanstalt. Diese Alternativen konnten wir am Sonntag ausgiebig geniessen. Anfänglich wunderte ich mich manchmal, dass im kleinen Saal just fast die selben Stücke, zumindest die selbe Epoche (und zwar vor 1960 - das war die definierte historisch-musikalische Grenze) erklangen. Christian Tobler begründete es so, dass es die Epoca de Oro brauche, um die Stimmung wieder zu fangen, zu stabilisieren. Das stimmt vielleicht - aber dafür gibt es ja dann die Möglichkeit, den Saal schnell und unkompliziert zu wechseln. Ich fände es reizvoll, ganz auf die "Epoca de Oro" im kleinen Saal zu verzichten - oder bei deren Auswahl möglichst schöne, aber wenig gespielte Stücke zu berücksichtigen. Das ist wohl Geschmacksache und so offen, wie Christian auf die Anregungen einging, haben die Tanzenden ein schätzenswertes Mitspracherecht an ihrer Musik, von dem beide Seiten profitieren werden.

Sehr positiv fiel mir Christians Einstellung zur technischen Qualität der Musik auf. Heutzutage setzt sich das Laptop als Standardwiedergabegerät durch, mit all den Vorteilen für den DJ. Für die Tänzer erwächst daraus manchmal der Nachteil, daß die hochkomprimierten Musikstücke schlechter klingen können als Musik ab CD. Je nach Qualität der Verstärker und Lautsprecher hört man das auch mehr oder weniger deutlich. Klirrende Geigen, Geräuschartefakte, eingeengter Stereoeffekt (alte Tangos sind an sich Mono-aufnahmen, da stört es nicht). Die Anlage im großen Saal des Tangocafés offenbart diese Schwächen. Bevor das nun ein technischer Exkurs über Kompressionsformate wird - für mich ist entscheidend, was ich höre, nicht, woher das kommt. Ich bevorzuge DJs, die auch technisch "druus-chumme" und den Tänzern die maximale Qualität schenken, sehe jedoch auch die Technik nur als Mittel, nicht als Zweck.

Je später der Abend wurde, desto mehr profilierte sich der Unterschied der beiden Musikstile. Das kann gar keine Konkurrenz, wohl aber eine spannende Ergänzung sein. Die Neugierigen, die vom Sound von Bajofondo TangoClub und von den "Tangos de Liverpool" von TangoLoco und noch anderen "speziellen" Stücken angezogen wurden, schauten diesmal zu - werden sich aber bestimmt bald auch am "Sprungturm" anstellen. Bleibt zu hoffen, dass der Saal keine Showbühne wird, sondern Tanzfläche für experimentierfreudige Paare bleibt - wiewohl ein grosser Spiegel natürlich etwas verlockendes zur Selbstreflexion ist.....

Die Binzmühlestrasse taucht nun wieder mit einem geglückten Start auf der Tangolandkarte von Zürich auf und ist für mich die über 100km lange Reise allemal wert, alle Voraussetzungen für bereichernde Tanzabende sehe ich erfüllt - ich find's toll!

Den beiden anderen Sonntag- Milonga- Veranstaltern wird das wohl nicht so sehr gefallen, manchen Tanzenden sicher auch nicht, denn natürlich besteht die Möglichkeit, dass die Szene noch weiter aufsplittert und zum Schluss auf drei Orten verteilt jeweils ein, zwei Dutzend Tänzer auf mehr Leute warten. Meine ganz persönliche Meinung ist: Jede Milonga findet ihr Publikum, es kann gut sein, dass Leute, die nun zu einem Ort gehen, an keinen der andren gehen würden. Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt, bis jetzt blieben die Grabenkämpfe im Tangoinfo-Forum (pro und contra Electrotango z.B.) noch aus, die früher immer wieder mal aufflammten - hoffentlich bleibt das so.

Bis bald im Tangocafé!

Fotos: J. Jundt

arrow Kommentare zum Tangocafé, zu 3 Sonntags-Milongas in Zürich etc. bitte im Foro del Tango

Foto 2





update: 19 Mar 2005 © tangoinfo.ch
[Home] [Impressum] [Kalender] [Partnerbörse] [Tango] [Foro de tango] [Tangocard] [Chatroom] [Veranstalter]