"Und dabei beklagt sich in schlimmen Milieus kein einziger Mann darüber, dass ihn eine Frau verlassen hat."
J. L. Borges


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Interview mit Bärbel Rücker | Tanzbar, Teil II

arrow Zum Teil I


arrow Wie siehst du die Trends beim Tango (bei der Musik und bei den Milongas)? Hat sich in den letzten zehn Jahren etwas verändert?

Ich habe Ende 1997 angefangen zu tanzen. Damals waren bei den Milongas keine Cortinas zu hören. Heute sind die Cortinas gang und gäbe. Ich kenne eigentlich nur ganz wenige Milongas, wo keine Cortinas gespielt werden und dort wird es oftmals sogar angekündigt.

Mir scheint es, dass es in Deutschland (wahrscheinlich auch hier in der Schweiz) wieder sehr traditionell geworden ist. Es gab auch Phasen, wo sehr viel mehr alternative Musik und Elektro- bzw. Neotango gespielt wurde.

Im allgemeinen ist die Vielfalt der Angebote heute grösser geworden, so dass es sowohl Cross-Over Milongas gibt, Milongas, die einen bestimmten Mix an traditioneller und moderner Musik spielen, sowie die rein traditionellen Milongas. Oft kündigen die Milongas auch an, was in der Milonga an dem Abend zu erwarten ist.

Bärbel Rücker, Bild 2


arrow Wenn dich ein Veranstalter bucht, kann er bei dir einen bestimmten Musik Mix bestellen?

Natürlich kann ein Veranstalter bei mir auch Wünsche äussern. Allerdings kann man bei mir nur bis zu etwa 20% alternative Sachen vorbestellen. Für einen höheren Prozentsatz wendet man sich besser an andere DJ Kollegen. Am wohlsten fühle ich mich allerdings im traditionellen Bereich, finde es aber auch spannend, hin und wieder bei langen Milongas auch mal ein alternatives Set einzuspielen.

Weiter zu den Trends:

Vor 5-7 Jahren gab es einen Trend zu etwas älterer Musik, zu einem Revival der 20er Jahre. Es kommt auch immer darauf an, was von den CD-Labels gerade so herausgegeben wird. Als ich angefangen hatte zu tanzen (1997), gab es noch nicht allzu viele CD's. Es gab „el bandoneon“ und einige wenige andere Labels, die Tango CDs produziert haben. Dann kamen die CD's von den japanischen Sammlern heraus. Man wundert sich immer wieder, dass immer noch neue Stücke oder Aufnahmen herauskommen, die man noch nicht hat, z.B. von Fresedo, Canaro oder Lomuto. Wenn man sich allerdings die Diskografien anschaut, dann weiss man, es gibt noch viel mehr, was noch nicht digital zugänglich ist. Gerade in den europäischen Milongas waren die Djs experimentierfreudiger und haben vieles von den neu herausgegebenen älteren Sachen gespielt. In anderen Ländern wie z.B. Italien und in der Türkei wird auch sehr viel Musik aus den fünfziger und sechziger Jahren gespielt, manchmal allerdings zulasten der zwanziger und dreissiger Jahre.

Es gibt einige Orchester, die früher in den Milongas ein „MUST“ waren, wie zum Beispiel Osvaldo Pugliese. Im Moment ist er auf manch einer Tango Veranstaltung gar nicht zu hören.

Reisen 2012
Tangoreisen 2012


arrow Du kommst bei deinen Reisen sehr viel herum in Europa und hast wahrscheinlich den besten Überblick über die Tango-Szenen (Veranstalter, Besucher). Sind die Tangoszenen irgendwie ähnlich oder gibt es auch welche, die besonders „progressiv“ sind oder die sich von den anderen hervorheben?

Ich habe sicherlich einen Überblick über verschiedene Tangoszenen - ob es der beste ist, mag ich zu bezweifeln. Nichts desto trotz gibt es verschiedene Ebenen, auf denen man die Tango-Szenen betrachten kann:

a) Veranstaltungstypen:
Milongas, Festival, Festivalitos, Marathons, Encuentros(1)

Es gibt den Trend zu deutlich mehr Marathons und Encuentros. Es ist oft eine kleine, geschlossene Veranstaltung und bei einigen muss man sogar auf einer Einladungsliste stehen, um sich überhaupt erst anmelden zu können. Bei Encuentros und Marathons wird auch meist auf die Genderbalance geachtet, bzw. auf das ausgeglichene Verhältnis zwischen Folgenden / Führenden, damit im Idealfall alle zur gleichen Zeit tanzen können. Sie sind auf ein Wochenende beschränkt. Die Festivals sind offen für jeden. Festivalitos sind eher kleinere Events und mit regionalen bzw. europäischen Lehrerpaaren bestückt. Es scheint, dass die typischen „grossen“ Events mit acht oder zehn argentinischen Lehrerpaaren, Shows und Livemusik etwas an Boden verloren haben. Sie waren die Zugpferde für viele Jahre und haben sicher auch heute noch ihre Klientel, aber sie adressieren nicht mehr alle. Diejenigen, die nur noch tanzen wollen, springen ab und finden woanders ihre Spielwiesen, wie z.B. bei den Marathons und den Encuentros.



(1) An einem Tangomarathon sind eher die 20-45 Jährigen anzutreffen, die Musik spielt fast kontinuierlich die ganze Zeit. Ein Encuentro Milonguero ist auch ein Tango Happening, ähnlich einem Marathon, die Milongas sind jeweils zeitlich begrenzt und es gibt längere Essenspausen zwischen den Nachmittags- und Abend-Milongas, der Altersdurchschnitt ist deutlich höher, es gelten Regeln wie enge Tanzhaltung, eine Tanda tanzen, Tanzfläche verlassen, Auffordern mit Cabeceo, „Füsse am Boden halten“ usw.)
Es sei noch angemerkt, dass die Marathons nicht nur in einer kleinen Gruppe stattfinden. In Italien zum Beispiel gibt es Marathons mit 400, 500 Leuten.
Die Szenen mischen sich nicht unbedingt. Als ich mit den Marathons angefangen hatte, hat man sich immer wieder getroffen. 80 % der Leute waren immer dieselben, die anderen konnten gerade nicht und waren dann halt im nächsten Monat dabei.

Progressive Tangoszenen: beeindruckt haben mich die Plan-T'ler aus Basel. Sie haben es geschafft, jungen Leuten einen Raum zu geben und sie für Tango zu begeistern. In Freiburg, so glaube ich, machen es einige Leute ähnlich und bieten auch einen Begegnungsraum, also nicht nur Kurse. Sie unterrichten untereinander und geben so ihr Tango-Wissen weiter. Damit bleibt es auch bezahlbar.

b) Länder:
2010/11 war ich viel in Italien unterwegs und war ganz überrascht, wie viel Tango es dort gab. Auf den Milongas waren meist alle Altersklassen vertreten, das Ambiente war elegant und das Niveau sehr gut. Damals wie heute gibt es sicherlich in Italien fast jede Woche ein grösseres Tango Event. In Istanbul ist es sogar schon vorgekommen, dass es 2 Tango Festivals an einem Wochenende gab.

Reisen 2011 1. Halbjahr
Tangoreisen 2011 1. Halbjahr

Reisen 2011 2. Halbjahr
Tangoreisen 2011 2. Halbjahr


c) bei den Milongas:
Hier gibt es jetzt auch Milongas, die in nach der Hälfte der Zeit eine Pause haben, in der z.B. zusammen gegessen wird. Ich bin zur Zeit viel in England unterwegs und bin überrascht, wie gross das Einzugsgebiet bei den Milongas ausserhalb von London ist. Die Tänzer fahren oft 1-2 Stunden mit dem Auto (in Kopenhagen nur 20-30 Minuten mit dem Fahrrad). Viele Tänzer in England wissen eine gute Milonga zu schätzen und tanzen traditionell mit „1a floorcraft“, diszipliniert, gezirkelte Aussenlinie usw.


arrow Du bist sehr viel unterwegs mit Reisen, die Abende und nachts bist du als DJ bei den Milongas. Bleibt dir angesichts eines so dichten Zeitplanes noch Zeit für was anderes?

Viel Zeit bleibt neben dem Unterrichten, Auflegen und dem Organisatorischem (Reiseplanung, Marketing, Buchführung usw.) nicht. Hin und wieder bleibt Zeit für ein gutes Buch. Durch das viele Reisen und die Kontakte mit den Gastgebern und Organisatoren lerne ich nebenbei ein wenig die Kultur der Länder kennen und schätze das sehr. Anstrengend wird es allerdings, wenn ich in kurzer Zeit viele Städte und Länder bereise. Dann frage ich mich schon mal, welche Sprache ich gerade brauche. Doch das Auflegen und der Unterricht machen mir so viel Freude, dass ich das gerne in Kauf nehme!

Zudem bin ich gerade im Umbruch, unter anderem auch weil ich im Februar eine gesundheitliche Auszeit brauchte. Ich beschäftige mich mit der Feldenkrais-Methode und mache zur Zeit die Ausbildung als Feldenkrais Practicioner hier in Bern. Deswegen komme ich auch in den nächsten 3 Jahren regelmässig in die Schweiz. Seit längerem baue ich Feldenkrais Techniken in meinen Tangounterricht ein und ich will Feldenkrais zu einem weiteren Standbein neben dem Tango ausbauen. Dann gibt es meinen Partner in England, mit dem ich einige Tangoprojekte realisieren will. Eines davon ist unser gemeinsamer DJ-Workshop, bei dem er als Sound Engineer den „Hardcore Technik Part“ übernimmt und ich die anderen Tango DJ relevanten Themen.

Bärbel Rücker, Bild 3


arrow Hast du eine Botschaft / eine Message für uns?

Meine Message an die Milonga-Besucher ist: gestaltet die Milongas als einen sozialen Raum. Dazu gehört es auch, das Seine zu tun, damit es einen guten Tanzfluss geben kann und jeder sich wohlfühlen kann. Wir als DJ versuchen unseren Teil dazu beizutragen und freuen uns natürlich auch, wenn wir begrüsst oder angelächelt werden und sehen können, dass die Leute Freude haben!


arrow Ich danke dir für unser Interview und wünsche dir bei deinen Engagements stets gutes Publikum, freundliche Stimmung und alles Gute für deine Ausbildung in Bern!


arrow Zum Teil I

arrowAnmerkungen, Kommentierungen im Foro de tango


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update: 08 Oct 2014 © tangoinfo.ch
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