"Wenn es den Menschen schlecht geht, dann geht es dem Tango gut."

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Kommentierungen im foro de tango

Die muchachas von heute, Teil I

übersetzt von Helga Pedrotti, Originalartikel aus dem Jahr 2005 in "Página/12"

Es soll keine Revanche sein, aber es ist an der Zeit, dass die Frauen mit dem "Tango macho" - wie ihn Julio Sosa besingt - einiges regeln und einige wahre Geschichten schreiben über jene Typen, die in das Mütterchen verliebt sind, welches ihnen das Hemd auf dem Hof der Mietskaserne bügelt oder über jene, die der Blondine nachtragend sind, weil sie sie auf der Suche nach einem besseren Schicksal verließ. Hier sind sie, und sie sind es: die Frauen und ihre Werke:

1961 nahm der Uruguayer Julio Sosa "el varon del Tango" (der Mann des Tangos) mit seiner tiefen und metallischen Stimme mit La Cumparsita als Hintergrundmusik eine Version des Gedichts "Por que te canto así" (Warum ich dich so besinge), die folgendermaßen lautet: "Weil der Tango macho (männlich) ist / weil der Tango stark ist / riecht nach Leben, schmeckt nach Tod".

Aber aus Ehre zur Wahrheit und zum Autor des Originals von "Por que te canto así" Celedonio Flores muss man sagen, dass Julio Sosa, eigentlich Julio Maria Sosa (schlimm, dass so ein Macho mit einem weiblichen Namen getauft wurde) einige "Anpassungen" in den Text eingefügt hatte, dessen Musik von José Razzano ist.

Die Dichtung von Celedonio (herausgegeben von Aura 1943) lautete eigentlich: "Weil der Tango friedlich ist, weil er wie ein starkes Messer ist / hat Abschied von Tod / schmeckt nach Liebe".

Aber durchgesetzt hat sich die Aussage vom "Tango macho" und bis heute wird sie wiederholt und als absolute, symbolische und pathetische Wahrheit betrachtet. Seit diesem Unfug des "Varon del Tango" sind 44 Jahre vergangen und einiges hat sich verändert, ein bisschen (nicht übertreiben). So wie Blumen in einer trockenen Wüste wird der Tango seit einem Jahrzehnt in allen seinen Ausdrucksformen (Dichtung, Musik, Gesang und Tanz) von Frauen besiedelt, die ohne Eile aber auch ohne Pause zeigen, dass der Tango auch durch das Weibliche gestaltet wird.

Die Liedtextschreiberinnen von einst (der Tango entstand vor mehr als einem Jahrhundert) konnte man an einer Hand abzählen, heute machen sie ein Drittel der AutorInnen der 700 neuen Kompositionen aus, die in einem Buch enthalten sind, welches das Centro Cultural de la Cooperación in kürze herausgeben wird. Die Sammlung, herausgegeben von Roxana Rochi und Ariel Sotelo, enthält eine Vielseitigkeit an Themen, die von Frauen verschiedener Stilrichtungen und Alter erfasst wurde. Einige kommen vom Rock, andere aus der Literatur, der Musik oder aus anderen kaum erdenklichen Bereichen. Alle haben etwas zu sagen. So werden zu den bisherigen traditionellen Inhalten des Genre: Liebe, Freundschaft, Haus, Vorstadtviertel nunmehr Belange des Sozialen, der Arbeitslosigkeit, der Kindererziehung, der KartonsammlerInnen, der Diktatur, der Verschwundenen, des Exillebens, der Emigration hinzugefügt; nicht zuletzt Forderungen und offene Rechnungen mit dem "Tango macho", das Geschlecht und die Rolle der Frau, bisher allein aus der männlichen Sichtweise dargestellt.

Lunfardas

Der Lunfardo-Autor Felipe Fernández (Yacaré), Verfasser der "Versos Rantifusos", zählte 1915 eine Menge Eigenschaftswörter auf, um die Frau zu beschreiben: "Ich beschreibe die Frau als Mädchen, Kleine, Geliebte, Frau mit dem Perkalkleid (Arbeiterin), Ding, Liebchen, Nascherei, Liebling, Lüsterne, Dame, Kumpel, Weibchen, Unbekannte, Verehrte, Verführerin,…"
Und sie, ja, ließen sich benennen, beschreiben, charakterisieren mit den lobendsten und demütigendsten Kosenamen, je nach Typen, der ihnen begegnete. Annalía Gutiérrez, Sprachwissenschaftlerin, weist darauf hin, dass in den 80er Jahren Enrique Pinti meinte, dass "der Unterschied zwischen einer Dame und einer Frau (mina=Frau, die ihre Weiblichkeit lebt) darin liegt, dass letztere nach wie vor für Männer begehrenswert ist". Als Tanguera und ein wenig ironisch fragt Gutiérrez: "Und heute, was ziehen wir vor? Eine Dame zu sein oder eine "weiblich betonte" Frau (Mina)?" Die Tango-Poetinnen stört es nicht im geringsten, wenn sie "Minas" genannt werden und auch deswegen ist diese Bezeichnung heute kein Wort mit negativem Beigeschmack mehr.

Martina Iñíguez aus Corrientes hingegen, eine bereits öfters ausgezeichnete Tangodichterin, zögert nicht, diese Angelegenheit aufzuklären und eine alte Rechnung mit den Männern (Machos, ein historisch nicht negativ besetztes Wort) zu begleichen wie in ihrem Tango "Atajate": "Hey, du, der du halb verloren versuchst zu wissen, wo du hingehörst. Der du bald die Möglichkeiten unterstützen wirst, die sich mit der Zeit verändert haben. Heute ducken sich die Minas nicht mehr, die kluge Frau vor dem Don Juan, und sie sind es, die sich auf dem Sofa auf ihre Geliebten werfen." Dann jedoch lässt sie dem Typen eine Verschnaufpause und warnt ihn: "Wenn du aufhörst, den Schlauen zu spielen, lade ich dich ein, ein Stück Weg mit mir zu gehen, Schulter an Schulter, Hand in Hand. Denn es ist nicht mehr angesehen, ein prepotenter Macho zu sein!"

In "Du und ich" wirft Haidé Daiban, Dichterin und Erzählerin in den 48ern, deren Tangos von Pascual Mamone vertont wurden, folgenden Gedanken auf: "Wir sprechen von wichtigen Dingen / die unsere Erinnerung füllen / ebenfalls das Herz / Wir sprechen von Liebe, von unseren Angelegenheiten / vom Leben, das wir leben, mit Ängsten und Verdruss / Ich möchte nicht, dass die Wochen vergehen und sich ein Riesenloch der Desillusion auftut," ein Missverständnis des Liebespaars und ihr Wille, "ein anderes Leben zu begründen / zu fühlen, dass wir gemeinsam eine Quelle sein würden."
 
Inhalt: Der Artikel beschreibt das Tango-Gefühl aus weiblicher Sicht. Dem "tango macho" wird seine einengende und beschränkte Haltung vor Augen geführt. Eine Tango-Autorin schrieb "Wenn du aufhörst, den Schlauen zu spielen, lade ich dich ein, ein Stück Weg mit mir zu gehen, Schulter an Schulter, Hand in Hand. Denn es ist nicht mehr angesehen, ein prepotenter Macho zu sein."

Grosser Dank gilt Helga Pedrotti für die Übersetzung!


1941 war die ehemalige Rocksängerin Claudia Levy überzeugt, dass die neuen Autorinnen ein völlig anderes Bild des Tango zeichnen; sie erklärt sich als Nicht-Feministin und bestätigt, dass sie in ihren Texten veruche, über das Weiblich-Feminine nachzudenken, zärtlich und sanft. In "Me dijeron, sentencia a und golpeador" (Man sagte mir, Bestrafung eines Schlägertypen): "Spiele nicht den bemitleidenswerten Typen, denn wir wissen bereits, dass es dir einerlei ist, ob du etwas Schlechtes oder etwas Gutes tust. Dass du die Frau (mina), um die du durch die Straßen streifend weintest, 7 mal ausgenutzt hast und 100 mal schlecht behandelt." Ironisch und humorvoll erzählt sie in "Fuiste primavera": "Ich lernte ihn an einem Sommermorgen kennen / beim Sonnenbaden bei seinem Landhaus in Pilar / Beim Anblick seiner goldfarbenen Haut und seiner klaren Augen spielten meine Drüsen verrückt / ich verliebte mich wie eine 15-Jährige / machte mich hübsch wie die Sonne / er versprach mir selbstverständlich ewige Liebe / und dann entschied er sich, in New York zu leben."

Maria José Demare, eine weitere reife Frau, die sich in junge Arme flüchtete, sagt in "Prohibido": "Von den Männern gelangweilt, den Jahren und Enttäuschungen, entfernt man mich aus der Welt, dem Regen, dem Winter / Noch eine Verabredung, eine mögliche Arbeit. Das erste, was ich wusste war: Ich verdopple sein Alter. Und dann finde ich mich in seinen Armen wieder, mache mich über die Zeit lustig und über mich / zum Glück stelle ich dann fest, dass ich am Ende gar nichts weiß / und gebe mich ihm und seinem Mund hin / ich beginne ihn zu vergessen, sobald ich feststelle, dass ich nichts anderes möchte als mein Bett mit ihm / dann verstehe ich gar nichts mehr, denke, dass ich verrückt bin / Das Telefon klingelt, das Begehren entbrennt in mir, ich öffne mich und bin Nacht / auf den Spiegeln schreibe ich mit einem Bleistift aus Lippen deinen Namen und meinen, daneben: Verboten."

Sie schuf bereits reichhaltige und vielseitige Werke, Clori Gatti, geb. 1936, spricht in "Macanas" (Unsinn) vom Hin und Her und anderen männlichen Enttäuschungen: "Welch ein Humbug / Worum geht es Alter / dieses ungleiche Verhalten? / Dass ich sie liebe, dass ich sie verlasse, dass ich sterbe, dass ich gehe / sprich nicht mit soviel Zorn / denn die Liebe ist nichts für Schlappe / und der Getretene erduldet einiges." Es ist klar, dass die jungen Frauen sich loslösen, im Tango sagen sie, was ihnen Spaß macht und was sie leben, sie wollen sich bemerkbar machen (nach einem Jh. Schweigen) in der Liebe und in der Hilflosigkeit und sie haben keine Scheu, sich als Siegerinnen oder Verliererinnen zu zeigen, als Verletzte oder als Angebetete.

Mario o María?

Es muss korrekterweise auch erwähnt werden, dass es Pionierinnen gab, die schwere Zeiten durchmachten, wie Maria Luisa Carnelli, die ihre Texte mit Mario Castro und Luis Mario firmierte, aber trotzdem ihre Ansichten zum Ausdruck brachte. 1928 schrieb Carnelli in "El malevo" (Der Raufbold): "Du bist ein Raufbold ohne Sprache / ohne Eleganz und Eitelkeiten / ohne schnittiger Frisur / ohne Milonga und Canyenge (ca. ohne Lebendigkeit und Stil)", und sie lobt jene, die nicht rauben oder Frauen ausnützen. Geboren 1898 war Carnelli Dichterin und Schriftstellerin, sie schrieb an die 20 Tangotexte.

Hermina Velich (1908) und Micaela Sastre (1880), Tochter von Marcos Sastre, führten in den Tango Themen ein, die bereits die Lebensumstände der Frauen jener Epoche zum Inhalt haben. Man muss Celedonio Flores anerkennen, dass er in "Cobarde" (Feigling) sein eigenes Geschlecht steinigt: "Das Gesetz der Männer ist Hass und Rache", jedoch zu Beginn des letzten Jahrhunderts trugen das Bürgerliche und das Strafgesetzbuch dazu bei, die Prahlhanse und Schlaumeier zu beschönigen, so dass sie in vielen von Männern geschriebene Tangos als Diebe "nach Gesetz" definiert wurden. Allein die "hl. Mütter" verdienten Respekt und alle Frauen, die die Haltung jener Mütter unterstützten, wie im Tango "Veinticuatro de Agosto" (24. August) von Homero Manzi (Autor einiger wunderschöner Tangotexte): "An der Seite seiner geliebten Frau war er noch schöner / das Hemd gebügelt und gestärkt / sonntags das gebürstete Sakko / und eine Rose die das Herz bedeckt." Glücklicher Mann, jener, der eine Frau hatte, die wusch, bügelte und das teure Gewand bürstete, wofür…?? Klar, um nachher die "andere" zu treffen, die "schlechte Frau", die nicht wusch, nicht bügelte, jedoch Sex in Fülle bot, für die paar Pesos, die der "Chip" im Bordell kostete, was sie jedoch nicht davor bewahrte, als Betrügerin, Verrückte oder Faulenzerin abgetan zu werden.

Machen wir uns nichts vor: Dieses Verhalten, wenn auch in anderen Ausdrucksweisen, hat nach wie vor Bestand. Die Mutter und die Hure existieren weiterhin im von der heuchlerischen und allzu bescheidenen Gesellschaftskultur geformten (Klein)Hirn und leben noch fort und nicht nur im Tango. Wenn wir schon gerecht sein wollen, müssen wir auch erwähnen, dass die "hl. Mutter" verschwunden ist oder eben ironisiert wird von den modernen männlichen Autoren, die nicht nur zufällig in dieser Entwicklung auftauchen. Ist dies dem Einfluss von Freud oder Lacan zu verdanken?

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update: 23 Jan 2010 © tangoinfo.ch
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